Allgemeines Konzept für Waldkindergärten

1. Das Grundprinzip und die Geschichte der Waldkindergärten
2. Warum Waldkindergarten?
3. Die wichtigsten Ziele
Das hier dargestellte Konzept wurde weitestgehend der Konzeption der Waldkindergartengruppe "Waldzauber" in Haunstetten entnommen, gilt aber in dieser oder ähnlicher Form auch für alle anderen Waldkindergartengruppen im Augsburger Raum.


1. Das Grundprinzip und die Geschichte der Waldkindergärten
Das Grundprinzip ist einfach: Die Kinder und ihre Betreuer halten sich ganzjährig und bei jedem Wetter für drei bis vier Stunden im Wald auf. Nur für extreme Wetterbedingungen (Sturm, Hagel etc.) gibt es eine Ausweichmöglichkeit (z.B. Gruppenraum, Bauwagen). Die Kinder bewegen sich fast immer im selben Wald, der für sie bald zu einer vertrauten Umgebung wird.

Die Kinder spielen, singen, tanzen, erzählen und essen wie in anderen Kindergärten auch; das Rahmenprogramm wird durch die Besonderheiten des Waldes und der Jahreszeiten ergänzt. Für die Kinder ist Nässe und Kälte meist kein Problem. Sie sind entsprechend ausgerüstet, bewegen sich viel und sind schnell abgehärtet.

Bereits in den 20-iger, 30-iger Jahren war es z.B. in Westfalen üblich Kinder von Mai bis Oktober draußen zu betreuen (zur Entlastung der Landwirtschaft). In den 50-iger Jahren wurde diese Idee in Dänemark wieder aufgeriffen und der erste offizielle Waldkindergarten gegründet. In Deutschland entstand der erste offizielle Waldkindergarten 1993. Mittlerweile gibt es in Deutschland etwa 350 Waldkindergärten sowie viele Regelkindergärten, die regelmäßige Waldtage oder Waldwochen eingeführt haben. Die Tendenz ist stark steigend.
Zurück

2. Warum Waldkindergarten?

Für die meisten Kinder ist es etwas ganz Neues, den ganzen Vormittag im Wald zu verbringen, über Äste zu stolpern, den Waldboden zu riechen, das Rascheln der Blätter und Zwitschern der Vögel zu hören, an Baumstämmen zu tasten oder wilde Tiere zu sehen. Die Kinder machen Erfahrungen ganz elementarer Art.

Das Laufen auf den unebenen, verschiedenartigen Untergründen fördert spielerisch die Ausdauer und koordinativen Fähigkeiten der Kinder. In vielen Untersuchungen wurde festgestellt, dass Kinder heute zuviel sitzen. Sie leiden unter akutem Bewegungsmangel mit daraus resultierenden körperlichen und seelischen Störungen. Dem kann durch einen Waldkindergarten entgegengewirkt werden.

Grob- und Feinmotorik werden nicht nur durch Aktivitäten wie Balancieren, Klettern, Bauen mit den vielfältigen Materialien des Waldes oder Untersuchen von Entdeckenswertem geschult. Der Wald lädt einfach zum Ausprobieren neuer Bewegungsformen ein, ohne sie dem Kind vorzugeben.

Eng verknüpft mit der motorischen Entwicklung des Kindes ist die Ausdifferenzierung der Wahrnehmung. Der Wald hält eine Vielzahl von Eindrücken bereit, an denen sie sich ausbilden kann. Wie viele Grüntöne machen das Grün des Waldes aus? Wie geht es sich auf Nadeln, wie auf Blättern?

Gut geschützt durch die richtige Kleidung machen Wind und Wetter nicht nur Spaß, sondern auch gesund. Ärztliche Begleituntersuchungen haben eindrucksvoll bewiesen, dass Kinder aus Waldkindergärten ein viel stärkeres Immunsystem haben.

Spielzeugfrei verbessert sich der kreative Umgang mit natürlichen, "zweckfreien" Materialien. Die Kinder gestalten ihre Freizeit größtenteils selbst, gestalten ihr Spielzeug und geben somit ihrer Phantasie Raum zu wachsen.

Der Wald fordert sie zu Eigeninitiative auf. Sie lernen eigene Lösungen für alltägliche Probleme und Konflikte zu suchen und zu finden. Diese schon früh erlernte Fähigkeit, konstruktiv mit Problemen und Schwächen umzugehen, gilt als wichtige Suchtprävention und in der Arbeitswelt als Schlüsselqualifikation. Sie stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder ungemein.
Zurück

3. Die wichtigsten Ziele

Raum für kindliches Spiel
Das Spiel ist eine angeborene Fähigkeit und ein innerer Entwicklungsantrieb des Kindes. Spielend setzt sich das Kind mit sich selbst und der Welt auseinander und spielend baut es seinen Zugang zur Natur und anderem auf. Kinder, die viel und ausgiebig spielen, werden in ihrer Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, Wahrnehmungs- und Beobachtungsfähigkeit, Belastbarkeit, Sprechfertigkeit und Intelligenz gefördert. Das Kindergartenkind benötigt besonders das freie Spiel. Hier kann es üben, an seine Grenzen zu gehen, im selbst gewählten Rollenspiel Verantwortung zu übernehmen, Spannungen auszugleichen, Konflikte auszutragen, Geduld mit anderen zu haben. Der Wald bietet Platz und Raum um sich frei zu bewegen, Platz zum Lachen, Weinen, Tanzen, Träumen, ..., zum "Kind sein" im wahrsten Sinne. Die atmosphärische Wirkung der Naturelemente und -räume vermittelt Ruhe und Geborgenheit, weckt Abenteuerlust und Erfindergeist. Naturmaterialien wie Steine, Stöcke, Moos, Fichtenzapfen, Blätter und Gräser verführen zu phantasievollem Spiel, inspirieren zu Experimenten und entfachen neue Ideen. Hier kann das Kind seinem inneren Antrieb nach das Urspiel leben.

Kreativität und Phantasie
Diese wird von den Kindern eingesetzt, da vorgefertigte Spielsachen durch all das, was die Natur bietet, ersetzt werden. So wird z.B. ein einfacher Stock zu einem Pferd. Der Wald mit seiner Vielgestaltigkeit und jahreszeitlichen Veränderung bietet dem kindlichen Forscherdrang stets genug zu entdecken - ohne Reizüberflutung.

Soziales Verhalten und Persönlichkeitsentwicklung
Im Erleben der Gemeinschaft sowie im Erleben der eigenen Fähigkeiten und Grenzen in dieser entspannten, anregenden Umgebung, in der wir Gast sind, wachsen Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, eigenes Wertgefühl, Kommunikationsvermögen, Frusttoleranz, Kritikfähigkeit, Urteilskraft, Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme, Durchsetzungsfähigkeit.

Sicherheit und Stabilität
Das wiederholte Bewegen in einem festen Waldgebiet führt zu einer Vertrautheit mit der Umgebung. Der "eigene Wald" wird anschaulich erfahren. Diese gewonnene Sicherheit gibt Mut zum Entdecken der weiteren Umwelt und führt zu Stabilität durch innere Ruhe.

Bewegung
Die Kinder erleben den eigenen Körper und die Freude an der Bewegung. Der natürliche Bewegungsdrang der Kinder kann voll ausgelebt werden. Sie lernen spielerisch und aus Eigeninitiative fundamentale Bewegungsformen, wie Laufen auf unebenem Gelände, Hüpfen, Kriechen, Hängen usw.. Die Schulung des Gleichgewichts durch Klettern und Balancieren bildet die Grundlage für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung.

Musikalische Erziehung
Auch Musik findet sich in der Natur, seien es die Geräusche des Waldes, der Gesang der Vögel, die Stimmen der Tiere, die es gilt bewußt wahrzunehmen und die sich in Spiel und Form von musisch untermalten Geschichten wiederfinden. Musik erregt Aufmerksamkeit und fördert die Konzentration beim Handeln. "Zuhören können" ist ein wichtiger Baustein im sozialen Zusammenleben; es bedeutet sich der Außenwelt bewußt zuzuwenden, sich auf einen Dialog einzulassen. Die Einheit von Rhythmus, Ton und Bewegung appeliert an die Emotionalität der ganzen Person.

Konzentrationsfähigkeit
Stille ist in der heutigen Zeit ungewohnt. Sie ist von grossem Wert für das Wahrnehmungs-vermögen und für die Förderung der Konzentrationsfähigkeit. Gerade der Wald ist ideal, Stille zu erleben, zu lauschen und sich für feinste innere und äussere Vorgänge zu sensibilisieren. Diese Fähigkeit ist sehr wertvoll für die nachfolgende Schulzeit der Kinder. Aber noch weitere Sinne können sich in dieser idealen Umgebung ausdifferenzieren. Jeder Baum, jeder Ast, jedes Blatt lädt förmlich dazu ein, genauer hinzuschauen, Nuancen zu entdecken oder auch genauer zu fühlen, zu riechen ... .

Naturerleben und Umweltschutz
Die Kinder erleben bewusst die Natur, sie lernen, in ihr zu leben und sorgsam mit ihr umzugehen. Der jahreszeitliche Rhythmus, die Abläufe im Naturkreislauf werden unmittelbar erlebt. Die Kinder erfahren auch, wie viel Freude ein Sich-Bewegen und ein Spielen in der Natur bereitet. Aus dieser Freude kann Achtung für und Liebe zur Natur entstehen - und was man liebt, dafür wird man später auch eintreten und es schützen.

Gesundheit
Frische Luft stärkt das Immunsystem. Toben im Freien verhindert Haltungsschäden und reguliert den Appetit und den Schlaf. Die Kinder lernen notwendige Hygieneregeln einzuhalten sowie mit gegebenen Gefahrenquellen umzugehen und sich durch richtiges Verhalten zu schützen.
Zurück